Weiberfastnacht und die Gleichberechtigung der Frau

Ursprünglich geht der Brauch, die vorherrschende Dominanz der Männerwelt für einen Tag umzukehren, auf das Mittelalter zurück. Aus den Weiberzechen, bei denen die Damen von den Herren zu Wein eingeladen wurden, entwickelte sich die Weiberfastnacht.

Bonn als Wiege der Auflehnung

In seiner heutigen Form entstand dieser Feiertag allerdings erst im Jahr 1824. Bonner Arbeiterinnen verdienten damals Geld, indem sie die Wäsche wohlhabender Bonner und Kölner wuschen und blichen. Diese unzumutbare körperliche Anstrengung brachte jedoch kaum Lohn ein. Für kleines Geld durften sie schuften, während ihre Männer für den Transport der Wäsche ins benachbarte Köln zuständig waren und dort an den Karnevalsfeierlichkeiten teilnehmen konnten.

Empört über diese Ungerechtigkeit gründeten Sie das „Alte Beueler Damenkommitee“. Beim Kaffeeklatsch trafen sie sich, um den Frust über ihre Männer loszuwerden und beschlossen, an diesem einen Tag im Jahr nicht die Wäsche, sondern auch einmal die Männer „in die Mangel“ zu nehmen. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts geht der Protest gegen das vorherrschende Patriarchat so weit, dass Frauen in ganz Deutschland die städtischen Macht-Zentren stürmen und gnadenlos die Scheren schwingen. Ab 11:11 Uhr an Weiberfastnacht sind traditionell weder Rathäuser noch Schlipsträger vor den feierwütigen Frauen sicher.

Krawattenkürzen als Kastrationsakt?

Sehen einige im Kürzen der Krawatte eine Art symbolische Kastration, deuten andere es als gesellschaftliche Entmachtung. Die Krawatte wurde früher als Statussymbol für eine gehobene Stellung in Ämtern und Betrieben getragen – Positionen, die fast ausschließlich Männern vorbehalten waren.

Mit dem Abschneiden des Schlipses wollten die Frauen die Männer also nicht ihrer Männlichkeit, sondern ihrer gesellschaftlichen Macht berauben und sich über die alltägliche Unterdrückung erheben. Allerdings werden die Männer für die Zerstörung der früher noch recht teuren Schlipse auch heute noch mit einem Küsschen (“Bützje“) entschädigt.

Wie gleichberechtigt sind Männer und Frauen heute?

„Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ So steht es in Artikel 3, Absatz 2 unseres Grundgesetzes. Doch dass zwischen diesem Satz und der Realität Welten liegen, ist kein Geheimnis. Obwohl offiziell kein Mensch aufgrund von Abstammung, Rasse, Sprache, Heimat, Herkunft, Glaube, religiöser wie politischer Anschauung und eben auch dem Geschlecht nicht benachteiligt werden darf, steht Ungleichheit in Deutschland an der Tagesordnung. Bewerber mit exotisch klingendem Namen werden bei gleicher Qualifikation gegenüber deutschen Bewerbern benachteiligt, ostdeutsche Arbeitnehmer verdienen weniger als westdeutsche, Frauen weniger als Männer. [1]

In Zahlen gesprochen: Frauen bekommen auch mit besserem Schulabschluss im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen ca. 21 % weniger Gehalt. Diese unbereinigte Gender Pay Gap wurde oft kritisiert. [2] Rechnet man die auf Teilzeitarbeit oder schlechter bezahlte Branchen zurückzuführenden Unterschiede jedoch heraus, so ergibt sich immer noch eine Lohndifferenz von rund 7 %. [3] Natürlich gibt es auch fortschrittliche Arbeitgeber ohne geschlechtsspezifische Lohnunterschiede, die Agentur Kundendienst gehört da glücklicherweise zu den erfreulichen Ausnahmen. In den meisten Unternehmen sieht es allerdings anders aus. Und dabei geht es nicht um Prinzipienreiterei, sondern um einen Missstand, der in einem gleichberechtigten, modernen Staat nicht vorliegen darf.

Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Die ungerechte Entlohnung auf gleicher Karrierestufe mit vergleichbarer Qualifikation und Berufserfahrung ist die eine Seite der Medaille, dass Frauen im Allgemeinen schlechtere Chancen haben, die Karriereleiter emporzuklettern und damit überhaupt Anspruch auf mehr Gehalt zu haben, die andere. Obwohl uns eine Gesellschaft vorgegaukelt wird, in der Frauen Karriere und Familienleben miteinander verbinden können, sind Kinder ein Störfall für die Karriere. [4] Zwar sind laut einer OECD-Studie 70 % der Mütter erwerbstätig, allerdings beträgt die durchschnittliche Wochenarbeitszeit nur 20 Stunden. Lediglich 30 % der berufstätigen Mütter befinden sich in einer Vollzeitbeschäftigung. Viele von ihnen müssen nach der Geburt ihrer Kinder zunächst Berufspausen einlegen, bevor sie in anschließende Teilzeitbeschäftigungen übergehen. Pausen durch Mutterschutz und Elternzeit erschweren die Wiedereinstiegschancen jedoch und münden meist in Teilzeitbeschäftigungen. Doch höhere Positionen sind damit kaum vereinbar. Das verwehrt vielen Frauen auch die Chance auf mehr Gehalt: Die Entscheidung, Mutter zu werden, führt oft zum Karriereende oder -einbruch und damit niedrigem Gehalt. Eine funktionierende, praxistaugliche Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist für viele Frauen also nicht gegeben.

Dass Frauen oft bereitwilliger zugunsten der Kinderbetreuung auf ihre Karriere verzichten, ist nicht das einzige Problem. Da die Männer mehr Gehalt erwirtschaften, stellt sich selbst in modernen, gleichberechtigen Partnerschaften gar nicht mehr die Frage danach, wer seine Karrierepläne auf Eis legt. [5] Dies wirft sie gegenüber ihren männlichen Kollegen, die auch im Vergleich zu kinderlosen Frauen schon höherer Löhne erhalten, umso mehr zurück. Eine schier uneinholbare Lohnungleichheit entsteht. [6]

Gehaltsverhandlungen verstärken Ungleichheit

Diese Ungleichheit wird zusätzlich vom modernen Konzept der Gehaltsverhandlungen gefördert. Während Frauen oft bescheidenere Wünsche äußern, sind Männer deutlich selbstbewusster und fordern das ein, was ihnen nach eigener Einschätzung zusteht. Natürlich ist es hier an den Frauen, ihre Forderungen entsprechend zu äußern. Nichtsdestotrotz ist dieses in vielen Unternehmen praktizierte System dafür verantwortlich, dass Verhandlungsgeschick und Lohn sich unmittelbar beeinflussen. Personen mit weniger Durchsetzungsvermögen, Selbstbewusstsein oder Argumentationstalent verdienen also ungeachtet ihrer Qualifikation weniger Geld als ihre souveränen Kollegen.

Einen kleinen Lichtblick gibt es allerdings: Seit 2018 können Frauen in Betrieben mit mehr als 200 Angestellten laut Entgelttransparenzgesetz Auskunft darüber einfordern, wieviel Lohn ihre männlichen Kollegen bei gleicher Arbeit und Arbeitszeit verdienen. Ein Schritt in die richtige Richtung, wenn auch ein kleiner.

Errungenschaften der Emanzipation

Wirft man einen Blick auf die bisherigen Erfolge der Emanzipation, sind bereits zahlreiche Ungerechtigkeiten beseitigt worden – vor allem seit 1960. Die Entwicklung, die Frauen zu finanzieller, beruflicher und sexueller Selbstbestimmung verhalf, ist allerdings im 21. Jahrhundert noch lange nicht abgeschlossen. Dass viele Frauen sich gezwungen sehen, zwischen Kind oder Karriere entscheiden zu müssen und beides nur schwer miteinander vereinbar können, sollte unserer Gesellschaft vor Augen führen, wie viel sich noch ändern muss, bis eine theoretische Gleichberechtigung auch faktisch gegeben ist. Nicht nur gesetzlich, sondern auch in den Köpfen von Männern und Frauen. Frauen dürfen sich nicht mehr mit weniger als ihre männlichen Kollegen zufriedengeben und müssen vehement einfordern, was ihnen zusteht. Ein Bewusstsein für geschlechtsspezifische Ungerechtigkeit reicht nicht aus. Die Bevölkerung muss handeln und sich gegen Missstände zur Wehr setzen, um politische Diskussionen anzuregen, die zu nachhaltigen Verbesserungen führen.

Die Weiberfastnacht ist ein Brauch mit langer Tradition, der zum Fasching gehört wie die Marmelade in den Krapfen, den die Frauen ganz besonders genießen sollten, auch wenn ein einziger Tag auf Dauer nicht genug ist. Doch trotz des noch langen Weges bis zur Gleichberechtigung blicken wir angesichts bisheriger Erfolge optimistisch in die Zukunft. We can do it!

In diesem Sinne wünschen wir eine ausgelassene Weiberfastnacht!

Quellen- und Bildnachweis

[1]    http://www.spiegel.de/panorama/gleichberechtigung-von-maennern-und-frauen-das-sagt-das-gesetz-a-1077851.html

[2]    http://www.sueddeutsche.de/karriere/gender-pay-gap-frauen-verdienen-prozent-weniger-als-maenner-1.3418635

[3]    http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/studie-zeigt-warum-frauen-weniger-verdienen-als-maenner-14284908.html

[4]    Beck-Gernsheim, Elisabeth: „Störfall Kind“ – Frauen in der Planungsfalle. In: APuZ/Aus Politik und Zeitgeschichte – 50 Jahre Gleichberechtigung.

[5]    http://www.zeit.de/campus/2008/02/feminismus-haaf/seite-4

[6]    Allmendinger, Jutta/ Leuze, Kathrin/ Blanck, Jonna: 50 Jahre Geschlechtergerechtigkeit und Arbeitsmarkt. In: APuZ/Aus Politik und Zeitgeschichte – 50 Jahre Gleichberechtigung.

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